tau rot

Den Abschluss des Franziskusweges bildet die Franziskuskapelle. Hier können die Wanderer noch einmal zur Ruhe kommen und dem Sonnengesang nachspüren. Sie bietet Platz zum Verweilen, Meditieren und zum Gespräch - untereinander oder mit Gott.

 

Die Kapelle - T raum

Die Kapelle, Einkehr und Andacht. Es gibt keine Fassaden, kein Ziegeldach, keine Tür; vielmehr ist das Bauwerk ein dreidimensionales Naturbild, eine „Skulptur" in der Landschaft der Hochrhön. Licht, Schatten, Transparenz sowie ein notwendiges Gewicht, Offenheit und Geborgenheit, Proportionen, jedoch ohne strenges Regelmaß, sind oder wurden im Entwurfsprozess Gestaltungselemente für den Neubau. Die Vorgaben des Initiators - ein Andachtraum mit der notwendigen räumlichen Ruhe für das Gespräch mit Gott sowie ein Schutzbereich für die Rast des Wanderers - wurden mit dem Grundrisszuschnitt in der Geometrie des franziskanischen T-Tau verwirklicht.

Der Schutzbereich öffnet sich nach Süden hin zum Besucherparkplatz, der Andachtsraum ist der Ruhe des Waldes in Richtung Nord-Ost zugewandt. Es entstand ein klares Ordnungssystem mit unverwechselbaren Bereichen. In der Rhön kann die Kapelle aus meiner Sicht nur aus den Materialien gebaut werden, die die Rhön uns bereitstellt. Ich wollte ein Bauwerk errichten, welches durch Material und Konstruktion aus der Natur wächst und somit Teil der Natur wird. Basalt, Muschelkalk und Buntsandstein sind die Gesteine der Hochrhön. Die jüngste Gesteinsart, ich nenne sie den Benjamin der Rhön, wurde aus den Rhönvulkanen vor 20 Millionen Jahren gefördert. Heute ist Basalt, bedingt durch Erosion, an den Oberflächen der Höhenlagen in allen Formen präsent. Muschelkalk und Buntsandstein sind die Gesteine des Untergrundes. Unbemerkt tragen sie die Landschaft der Hochrhön. So wurden die wichtigsten Tragkonstruktionen, wie Fundamente, Trennwand zwischen Andachts- und Schutzbereich (der senkrechte Stab des franziskanischen T-Tau, im Grundriss betrachtet) sowie ein Teilbereich der Rückwand des Andachtsraumes´, aus Beton bzw. Stahlbeton hergestellt. Die Zuschläge, d.h. die Füllstoffe für diese Betonbauteile bestehen aus Muschelkalkschrotten. Diese sind durch Wasser und Zement gebunden. Der rote Sandstein findet seine Anwendung in der Ausstattung des Andachtsraumes. Der Basalt bekommt beim Bau der Franziskuskapelle eine besondere Rolle. In Stahlkörben gefasst steht er als Rückwand der Kapelle da. Keine massiv gemauerte Wand, eine Schüttung aus gekörntem Material eines Rhöner Steinbruchs. Er soll dem Besucher, wenn er oder sie es will, in seiner Andacht Fassung und Rückhalt gewähren.

Die flächigen Dachkonstruktionen, Sichtkonstruktionen aus zwei ungleich großen Quadraten in geringer Neigung, wurden aus 93 Eichenbaumstämmen bis zu einer Länge von 10,50 Meter hergestellt. Die Rinde der Rundlinge wurde abgeschält, die Holzoberflächen blieben unbehandelt. Eine besondere Eindeckung gibt es nicht, es wurde eine Folienabdichtung mit einem Substrat aus Vulkanasche sowie Sanden und Schotter aufgebracht. Die Dachbegrünung wird der Natur überlassen.

Im Andachtsbereich sitzt der Besucher auf Bankreihen aus gehobelten Eichenholzdielen, im Schutzbereich auf den typischen Ruhebänken des Biosphärenreservates. Die Treppenanlage für die Erschließung der steigenden Reihen im Andachtsraum wurde mit Basaltpflaster, dem Gehweg- bzw. Straßenbelag des naheliegenden Rhönstädtchens Ostheim vor dessen kürzlich durchgeführter Stadtsanierungsmaßnahme, belegt. In Verbindung mit der Betonwand zwischen den beiden Hauptfunktionen wurde ein lebendes Weidengefläöcht eingebaut, eine Würdigung der Schöpfung. Das Glas-Tau in der Rückwand und der „Träumer" im Zentrum des Andachtsraumes bilden die Kernelemente der Kapelle, für mich sind sie gemeinsam die Seele des Bauwerks. Ich will diese beiden Objekte nicht erklären oder meditieren, dies steht mir nicht zu. Ich will ihnen aber meine Begeisterung vermitteln und Sie neugierig machen.

Peter Dechant, Architekt

 

 Der Träumer

Wenn Sie die Kapelle betreten, begegnen Sie einem sitzenden nackten Mann. Dieser Mensch zeigt Demut wie Franziskus. Er ist ein Hörender – die leisen Botschaften Gottes bedürfen der Ruhe. Und er ist nackt – so wie Franziskus, als er vor dem Dom von Assisi seine Kleider ablegte als Zeichen der Entledigung alles Überflüssigen.

Die Skulptur wurde aus einem Würfel aus Eichenholz von einem Meter Kantenlänge gehauen.

Weil sie sich im T raum befindet, haben wir sie den „Träumer" genannt.

 

Das gläserne Tau

Unübersehbar, farbenfroh und durchdrungen vom Licht stehen Sie in der Kapelle dem gläsernen Tau gegenüber, dem Franziskuskreuz. In diesem Tau bündeln sich Erfahrungen, Symbole und Gedanken des Weges. Alle Linien der Ornamentik sind der Ellipse und dem Kreis entnommen, einem Symbol der Vollkommenheit und des Unendlichen. Wenn zwei Ellipsen sich schneiden, ergibt sich die Form des Fisches, des Zeichens, das die ersten Christen benutzten, um sich gegenseitig zu erkennen; ein Zeichen der Verbundenheit mit Jesus Christus. Der Fisch, der in der griechischen Sprache „ichthys" heißt, beinhaltet gleichzeitig ein Synonym für den Auferstandenen, denn die einzelnen Buchstaben ergeben eine Abkürzung für Iēsoûs.Christós.Theoû.Hyiós.Sōtér -  Jesus.Christus.Gottes.Sohn.Retter.

Die Farben im Glas des Tau spiegeln die Inhalte der verschiedenen Strophen des Sonnengesangs wider: blau für das Wasser, aber auch für den Himmel - grün und braun für Erde und Wachstum - violett sowohl für Tod und Trauer, als auch für Umkehr und Buße - rot für die Liebe. Die Farbe rot erscheint dreimal, ein Hinweis auf die göttliche Zahl, die Zahl der Dreifaltigkeit. Besonders ins Auge fällt das strahlende Gelb im Mittelpunkt als Farbe des Lichtes, der Sonne, des österlichen Lichtes, der Auferstehung und der Freude. Das Tau hat die ursprüngliche Form des Kreuzes, die Form des Marterinstrumentes, wie es die Römer einst benutzten. Das Kreuz aber, das der Auferstehung vorangegangen ist, bedeutet für uns die Erlösung, den Weg vom Dunkel ins Licht. So ist es kein Zufall, dass dort, wo das das Glastau eingebracht wurde, die Betonwand in zwei Ebenen gestaltet ist: das Kreuz als Brücke, als Übergang von einer Ebene in eine andere, vom irdischen Leben zum Leben bei Gott. Das Kreuz, das T, hat einen vertikalen und einen horizontalen Balken; zwei Richtungen, die darauf hinweisen, dass die götttliche Liebe und die Liebe zu Gott sowie die Liebe zum Menschen, zur Natur und zur Schöpfung untrennbar zusammengehören. Die Liebe zu Gott muss geerdet sein, und Gott ist in unserem irdischen Leben gegenwärtig. Vom ihm kommt aller Segen- pax et bonum - Frieden und Heil - der Segenswunsch, der aus dem Tau fließt - der Segen, der von Gott kommt und über das Kreuz und Franziskus weitergegeben wird zu uns Menschen. Und wer von Gott gesegnet ist, ist eingeladen, diesen Segen weiterzureichen. Wie Franziskus in der Nachfolge Christi zu leben, heißt beides im Blick zu haben; heißt, in einem friedlichenn Miteinander mit dem göttlichen Wind in den Segeln ein gemeinsames Ziel anzusteuern.

Der Ort, an dem die Franziskuskapelle steht, gehörte zum bis zum Ende des zweiten Weltkrieges zu Thüringen. Das Tau, von einem Thüringer Künstler gestaltet und in der Rhön errichtet, darf eine symbolische Brücke schlagen: Was einmal durch den eisernen Vorhang getrennt wurde, ist nun wieder verbunden. Glas aus Thüringen vereint mit dem Basalt der Rhön im Zeichen des Tau - ein Symbol des Friedens.

Außerhalb der Kapelle haben wir den Brückenschlag Thüringen – Rhön noch einmal aufgegriffen mit Originalteilen des Metallzaunes, einem Teil des Eisernen Vorhanges, der Menschen über Jahrzehnte hinweg getrennt hat.

Hier finden Sie weitere Informationen über die Rhön und die Diözese Würzburg:

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